jW-Interview: »Soziale Situation von Frauen hat sich noch verschärft«

Von wegen Gleichberechtigung: Jobcenter, Niedriglohn und Doppelbelastung sind die Realität. Frauentagsdemo heute in Berlin. Ein Gespräch mit Josi Schiesser

Josi Schiesser ist Sprecherin der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin (ARAB) und aktiv im »Bündnis 8. März«

Ein Bündnis verschiedener antifaschistischer und linker Gruppen in Berlin ruft heute zu einer Demonstration zum Internationalen Frauentag, der am 8. März zum 100. Mal begangen wurde, auf. Warum laufen Sie ausgerechnet durch Neukölln?

In dem Berliner Bezirk werden Armut, speziell Kinder- und Frauenarmut als direkte Folge der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik besonders deutlich. Der Bezirk ist auch durch Migrantinnen und Migranten geprägt. Wir wollen auch den internationalistischen Charakter des 8. März und der Frauenbewegung betonen. Überall auf der Welt sind Frauen unerträglichen Gewalt- und Zwangsverhältnissen ausgesetzt. Deshalb freuen wir uns sehr, daß YEK-KOM, der Dachverband kurdischer Vereine in der BRD, mit zu der Aktion aufruft.

Was sind die Hauptprobleme in diesem Land, also in der BRD?

Frauen sind im gesellschaftlichen Leben der Bundesrepublik immer noch stark benachteiligt. Sie verdienen im Durchschnitt knapp 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen und sind öfter im Niedriglohnsektor angestellt. In den Vorständen der führenden Konzerne sitzen gerade drei Prozent Frauen, dafür um so mehr auf den Wartefluren der Jobcenter. Die sogenannte Gleichstellung bringt den Frauen vor allem eine verschärfte doppelte Ausbeutung. Sie müssen sich zu mieseren Bedingungen als die Männer auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt verkaufen und sollen sich gleichzeitig selbstverständlich um Haushalt, Kindererziehung und den ganzen Reproduktionskram kümmern. Für viele Frauen hat sich diese prekäre soziale Situation durch die Wirtschaftskrise noch verschärft.

Während Frauenpolitik in den 1980er Jahren die linke Politik in der Bundesrepublik stark prägte, scheint das Thema heutzutage keine große Rolle mehr zu spielen. Worin liegen die Gründe?

Durch die vielen institutionellen oder formalen Errungenschaften der Frauenbewegung ist die Unterdrückung und Benachteiligung heute nicht so offensichtlich wie beispielsweise in der BRD der 1950er Jahre. Die formale und gesetzliche Gleichberechtigung macht Fortschritte, auch wenn sie noch nicht in allen Bereichen durchgesetzt ist. Insbesondere reichere Frauen haben heute die Möglichkeit, sich von der doppelten Ausbeutung freizukaufen, also ärmere Frauen – häufig Migrantinnen – für die Verrichtung der anfallenden Reproduktionsarbeiten anzustellen.

Gleichzeitig ist die radikale Linke heutzutage leider ziemlich schwach und zersplittert. Viele politische Zusammenhänge haben sich infolge der gesellschaftlichen Umbrüche in den 1990er Jahren aufgelöst. Und in der linksradikalen Bewegung gibt es eine große Verunsicherung bezüglich feministischer Themen, gerade unter jüngeren Aktivistinnen und Aktivisten.

Im Gegensatz zur Situation in der BRD waren Frauen in der DDR gleichberechtigt. Wie konnte das so schnell in Vergessenheit geraten?

Die Frauen in der DDR waren den Männern vor allem in sozialer und ökonomischer Hinsicht gleichgestellt. Traditionelle Rollenbilder und patriarchale Familienstrukturen waren jedoch keinesfalls überwunden, sondern blieben weiter wirksam, auch wenn ihnen teilweise die materielle Basis entzogen war. Jedoch verschwinden patriarchale Machtverhältnisse dann nicht von selbst, sie müssen bewußt bekämpft werden. Das wurde in der DDR nicht ausreichend getan. Die Zeit ihrer Existenz reichte auch nicht, um an die Wurzeln zu gehen. Es gab jedoch in der DDR zumindest eine gesellschaftliche Basis, um das Patriarchat auf lange Sicht zu überwinden.

Mit dem Ende der sozialen Gleichstellung nach der Zerschlagung der DDR verschwinden zunehmend auch die positiven Auswirkungen auf das Frauenbild. Inzwischen ist eine Generation junger Frauen nachgewachsen, deren Leben um so stärker von Leistungsdruck, Perspektivlosigkeit und patriarchalem Rollback geprägt ist.

Ist die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in einem politischen System, das auf privatem Profit und Ausgrenzung aufgebaut ist, überhaupt möglich?

Nein, auch wenn die Gleichstellung der Geschlechter theoretisch und rechtlich in allen Bereichen durchgesetzt wäre – was sie noch lange nicht ist –, würde sich an der sozialen Benachteiligung der Frauen erst mal nicht viel ändern, wenn nicht auch die heiligen Gesetze des freien Marktes außer Kraft gesetzt werden und eine vernünftige Form des Wirtschaftens und Zusammenlebens ihren Platz einnimmt.

heute, Frauentagsdemo, 16 Uhr, U-BHF Rathaus Neukölln, arab.blogsport.de/

Interview: Markus Bernhardt

junge Welt